Allgemeine Hinweise für pflegende Angehörige

Balance finden zwischen Pflege und Freizeit

Rebecca Goldbach | 1. September 2014

Als pflegender Angehöriger ist es nicht immer leicht, die Balance zwischen der Betreuung des Pflegebedürftigen und den eigenen Bedürfnissen zu halten. Wer sich zu wenig Zeit für sich selbst nimmt, leidet schnell unter Überforderung.
Hinweise für Angehörige

Einen Angehörigen zu betreuen fordert Pflegepesonen einiges ab. Daher ist es wichtig, dass auch diese auf Ihre Gesundheit achten. | Foto: © photocrew – Fotolia.com

Wichtige Fragen im Vorfeld klären

Die Pflege eines Angehörigen zu übernehmen, ist eine große Aufgabe, auf die Sie sich gut vorbereiten sollten. Sprechen Sie mit den behandelnden Ärzten über die Diagnose des Betroffenen, lassen Sie sich über die Prognose und eventuelle Krankheitsentwicklungen aufklären und fragen Sie genau nach, was für die Pflege nötig sein wird. Wie viel Hilfe wird Ihr Angehöriger benötigen? Welche Hilfmittel und Maßnahmen sind nötig? Es ist wichtig, sich ein möglichst umfassendes Bild der Situation zu machen.

Auch die Absprache mit dem zu Pflegenden und den anderen Familienmitgliedern ist wichtig. Fragen Sie Ihren Angehörigen, welche Erwartungen er an die Pflege hat. Welche Aufgaben möchte er, wenn möglich, noch selbstständig erledigen? Wo ist Hilfe, eventuell auch durch eine professionelle Kraft, nötig? Besprechen Sie mit allen Familienmitgliedern, wer welche Aufgaben übernehmen kann, damit Sie die Pflege nicht allein bewerkstelligen müssen. Versuchen Sie, bei diesen Gesprächen sachlich zu bleiben und sich nicht von eventuellen familiären Streitigkeiten beeinflussen zu lassen.

Hilfsangebote nutzen

Die Pflegekassen und -stützpunkte bieten regelmäßig kostenlose Pflegekurse an. Dort lernen Sie kräfteschonende Handgriffe und bekommen Tipps für die häusliche Pflege. Auch für den Austausch mit Anderen in derselben Situation können diese Kurse hilfreich sein. Letzteres ist auch in Selbsthilfegruppen möglich, die oft von Gemeinden, Kirchen oder Ehrenamtlichen organisiert werden. Eine Gruppe in Ihrer Nähe kann Ihnen die Pflegekasse oder ein Pflegestützpunkt vermitteln.

Verhinderungspflege als Entlastung

Als Entlastung für pflegende Angehörige zahlt die Pflegekasse für insgesamt bis zu vier Wochen im Kalenderjahr eine Kraft, die sich um Ihren Angehörigen kümmert. Eine bestimmte Pflegestufe muss Ihr Angehöriger dafür nicht mehr haben, allerdings müssen Sie ihn oder sie bereits seit mindestens sechs Monaten häuslich pflegen. Die Ersatzpflege wird entweder:

  • von einem ambulanten Dienst übernommen (die Kasse zahlt in diesem Fall bis zu 1.550€ im Kalenderjahr, plus die Hälfte des bisher gezahlten Pflegegeldes),
  • von einem nahen Angehörigen durchgeführt (in diesem Fall wird das normale Pflegegeld weitergezahlt und werden eventuelle Extrakosten wie Fahrtkosten von bis zu 1.550€ im Kalenderjahr gedeckt)
  • oder von einem entfernten Verwandten oder Nachbarn erledigt (dann zahlt die Kasse wie bei einem ambulanten Dienst bis zu 1.550€, plus die Hälfte des bisher gezahlten Pflegegeldes).

Dieses Angebot der Verhinderungspflege kann auch stundenweise in Anspruch genommen werden, wenn Sie z.B. eine kulturelle Veranstaltung besuchen wollen oder einen wichtigen Termin haben.

Leidet Ihr Angehöriger an Demenz, können Sie sogenannte niedrigschwellige Betreuungsangebote beantragen. Diese werden meist von Ehrenamtlichen durchgeführt, die Freizeitaktivitäten wie Spaziergänge oder Vorlesen übernehmen. Die Kasse zahlt dafür monatlich 100 bis 200€, je nach Schwere der eingeschränkten Alltagskompetenzen. Scheuen Sie sich nicht, derlei Angebote anzunehmen, auch wenn Ihnen eventuell nicht wohl dabei ist, dass eine fremde Person einen Teil der Pflege übernimmt. Sie haben ein Recht auf Zeit für sich selbst, denn nur so können Sie die Kraft schöpfen, die Sie für die Pflege brauchen.

Freiräume schaffen

Wird ein Angehöriger pflegebedürftig, hat das oft Einfluss auf das gesamte Familienleben. Wichtig ist dabei, dass Sie den Alltag zwar an die häusliche Pflege anpassen, ihn aber nicht komplett unterordnen. Versuchen Sie, eine Balance zwischen den Bedürfnissen Ihres Angehörigen und Ihren eigenen zu finden. Sie brauchen kein schlechtes Gewissen haben, wenn Sie Zeit für sich beanspruchen, schließlich nützt es Ihrem Angehörigen auch nicht, wenn Sie gestresst und gereizt sind.

Hilfreich für die Entspannung sind beispielsweise Yoga und Autogenes Training. Gehen Sie auch weiterhin Ihren Lieblingsbeschäftigungen nach, am besten zu festen Terminen, damit Ihre Ruhezeiten nicht doch im Alltagstrubel untergehen. Wenn Sie gern Spazieren gehen oder Lesen, planen Sie bewusst Zeit dafür ein und versuchen Sie, nicht an die Pflegesituation zu denken. Treffen Sie auch Freunde und Bekannte, der Austausch mit Anderen lenkt Sie von eventuellen Grübeleien ab. Reden Sie bei diesen Gelegenheiten nicht ausschließlich von der Pflegesituation, sondern wenden Sie sich schönen oder allgemeinen Themen zu. Das hilft Ihnen, Abstand zu Ihren Sorgen zu gewinnen und wieder den Kopf freizubekommen. Um Hilfe bei konkreten Problemen mit der Pflege zu bekommen, können Sie sich an eine Selbsthilfegruppe oder Fachleute wie Ihren Pflegeberater wenden. Auch Foren im Netz bieten Rat und die Möglichkeit zum Austausch.

Überlastung erkennen

Sollten Sie sich trotz eingehaltener Ruhezeiten ausgelaugt und gehetzt fühlen, Schlafstörungen, starke Gewichtsschwankungen oder ein ungewöhnlich schwaches Immunsystem haben, sind Sie möglicherweise schon überlastet. Wenn andere ständige Gereiztheit an Ihnen bemerken, oder Sie das Gefühl der Ausweglosigkeit haben, sollten Sie sich unbedingt Hilfe holen! Bleiben Sie mit Ihren Sorgen nicht allein, wenden Sie sich an einen psychiatrischen Dienst oder rufen Sie eine Beratungshotline oder einen Krisendienst an. Die Nummern finden Sie im Telefonbuch, im Netz oder bekommen Sie von Ihrem Pflegeberater.

Wenn Sie merken, dass der Druck zu groß ist und Sie mit der Pflegesituation nicht fertig werden, scheuen Sie sich nicht, darüber zu sprechen. Nur so kann eine andere, auch für den Pflegebedürftigen bessere, Lösung gefunden werden. Vielleicht kann ein anderer Angehöriger die Pflege übernehmen, möglicherweise sollte auch die Unterbringung des Pflegebedürftigen in einer stationären Einrichtung in Betracht gezogen werden. Dieses Eingeständnis ist kein Versagen, sondern letztlich die beste Lösung für alle Beteiligten.

Wichtige Ansprechpartner

Bleiben Sie mit Ihren Sorgen nicht allein! Es gibt verschiedene Anlaufstellen, an die Sie sich mit den Problemen der Pflegesituation wenden können. Unter anderem sind das folgende:



  • Telefonseelsorge: Es gibt sowohl die evangelische, als auch die katholische Seelsorge. Beide Telefonleitungen sind kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Evangelisch: 0800/111 0 111, katholische: 0800/111 0 222; Internet: www.seelsorge.de

  • Notruftelefon „Handeln statt Misshandeln“ der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter e.V.: Von Montag bis Freitag 10-12 Uhr, sowie montags 15-17 Uhr unter 0228/69 68 68

  • Pflegeberatung der AWO: Kostenlos und rund um die Uhr unter der 0800/60 70 110, oder im Internet unter www.awo-pflegeberatung.de

  • Online-Beratung für pflegende Angehörige: Im Internet unter www.pflegen-und-leben.de

  • Krisendienste und Kliniken: Listen finden Sie zum Beispiel im Internet unter www.kompetenznetz-depression.de und www.beschwerdestellen-pflege.de

  • Netzwerk Pflege-Begleitung: Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von Freiwilligen, dass sich an 97 Standorten um die Unterstützung von Angehörigen Pflegebedürftiger kümmert. Eine Liste der Standorte gibt es im Internet unter www.pflegebegleiter.de

  • NAKOS: Die „Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen“ bietet eine große Datenbank mit Selbsthilfegruppen, eine telefonische Beratung und viel Informationsmaterial zum Thema Selbsthilfe. Erreichbar unter der 030/31 01 89 60 (Dienstag 9-13 Uhr, Mittwoch 9-12 Uhr, Donnerstag 14-17 Uhr, Freitag 10-13 Uhr), oder im Internet unter www.nakos.de


 

Quellen

  1. Unterstützung für pflegende Angehörige unter: https://www.pflege.de/magazin/hilfe-angehoerige/psychologische-hilfe (abgerufen am 23.05.2014)
  2. Sich entlasten – Überforderung vermeiden unter: http://www.wegweiser-demenz.de/sich-entlasten.html (abgerufen am: 23.05.2014)
  3. Pflegende Angehörige – Tipps unter: http://www.netdoktor.de/Gesund-Leben/Alter+Pflege/Pflegefall/Pflegende-Angehoerige-Tipps-6187.html (abgerufen am: 23.05.2014)
  4. von Stösser, Gudrun: Entlastung für die Seele – Ein Ratgeber für pflegende Angehörige, Bonn 2012, S. 27 – 38.