Suizid im Alter

Die Angst zur Last zu werden

Jennifer Albrecht | 3. September 2014

Mehrere Tausend Menschen nehmen sich pro Jahr das Leben. Ein überproportional großer Teil dieser Menschen sind 60 Jahre oder älter. Dennoch wird diesem flächendeckenden Problem nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt, wie erwartet.
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Alterssuizid wird als Problem häufig unterschätzt, dabei sind jährlich mehrere Tausend Menschen davon betroffen. Wir klären auf. | Foto: © GordonGrand – Fotolia.com

Im Jahr 2012 nahmen sich über 9.800 Menschen das Leben. Statistiken zeigen, dass davon etwa 40% 60 Jahre oder älter waren. Gemessen am Anteil der Bevölkerung in diesem Alter ist dieser Anteil überproportional hoch. In diesen Zahlen sind jedoch noch nicht jene eingerechnet, die lebenswichtige Medikamente oder die Nahrung verweigern. Gescheiterte Suizidversuche werden ebenfalls nicht einbezogen.

Im Gegensatz zum Suizid jüngerer Menschen gehen diese Zahlen jedoch häufig unter. Das Thema Alterssuizid ist in den Köpfen der Menschen noch nicht als wirkliches Problem erfasst worden. Dabei zeigen WHO-Studien, dass das Suizidrisiko steigt je älter ein Mensch wird. Während jungen Menschen ihr Leben noch bevorsteht, wird bei älteren Menschen davon ausgegangen, dass sie ihr Leben gelebt haben. Dabei entstehen Suizidgedanken zumeist aus dem Gefühl heraus, in einer ausweglosen Situation zu sein.

Die Gründe sind vielschichtig

Warum sich ältere Menschen häufig mit Suizidgedanken quälen, kann verschiedenste Gründe haben. Zum einen können körperliche Erkrankungen oder chronische Schmerzen vorliegen, bei denen es keine Aussicht auf Besserung gibt. Besonders die folgenden Beschwerden beeinträchtigen ältere Menschen in ihrem Lebensalltag:

  • Chronische Schmerzen,
  • Bewegungseinschränkungen und Lähmungen,
  • Inkontinenz,
  • Minderung bzw. Verlust von Seh- und Hörkräften,
  • erhöhte Sturzgefahr.

Zum anderen können psychische Erkrankungen wie Anpassungsstörungen oder Depressionen das Suizidrisiko stark erhöhen. Der Verlust von körperlicher Attraktivität, der Potenz und des Einflusses im Alter können Depressionen hervorrufen oder das Ausbilden dieser begünstigen.
Außerdem kann ein Verlust des Lebenspartners das Leben des Betroffenen stark erschüttern. Nach jahrelangen Partnerschaften kann dies zu einer Isolierung und Vereinsamung eines Menschen führen.

Aber auch zwischenmenschliche Probleme können dazu führen, dass sich ältere Menschen dazu entscheiden, nicht mehr leben zu wollen. Ist das Verhältnis zur eigenen Familie schlecht, fühlen sich betroffene Personen häufig zurückgestoßen. Sie vereinsamen, isolieren ich. Droht die Pflegebedürftigkeit, wissen sie häufig nicht, wer ihnen helfen kann oder will. Manche sind auch zu stolz, sich Hilfe zu suchen.

Alterssuizid verhindern

Um Selbstmorde zu verhindern, ist es wichtig ein gut ausgebautes Hilfsnetz zu haben, sodass Menschen in Krisensituationen Unterstützung erfahren. Aber die Suizid-Prävention geht noch viel weiter und setzt auf individuellem Level an, bevor eine Krisensituation überhaupt entsteht. Folgende Tipps werden vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland, Arbeitsgruppe Alte Menschen, herausgegeben:

  1. Setzen Sie sich frühzeitig mit Ihrer zweiten Lebenshälfte auseinander und planen Sie vor. Was wollen Sie im Rentenalter tun? Welche Hobbies können Sie ausfüllen und für geistige und körperliche Beschäftigung sorgen?
  2. Akzeptieren Sie das Altern und Ihre Sterblichkeit. Natürlich sollten Sie weiterhin für die Gesundheit Ihres Körper und Geistes sorgen. Planen Sie jedoch gleichzeitig für etwaige alters- und krankheitsbedingte Einschränkungen vor. Suchen Sie sich einen verlässlichen Hausarzt, sprechen Sie mit Arzt und Angehörigen über Vollmachten und Patientenverfügungen und treffen Sie außerdem auch Regelungen für Ihren eigenen Todesfall.
  3. Bleiben Sie weiterhin sozial aktiv. Knüpfen bzw. festigen Sie Kontakte in Ihrer Nachbarschaft und zu Freunden. Engagieren Sie sich in Ihrer Gemeinde und festigen Sie die Beziehungen zu Ihren Angehörigen. Ein gutes soziales Netzwerk kann Sie in Krisensituationen auffangen.
  4. Nehmen Sie Hilfsangebote bei Krankheit und Behinderung wahr – entweder durch soziale Einrichtungen oder Hilfsmittel. Achten Sie auf einen sorgsamen Umgang mit Medikamenten und Alkohol, ernähren Sie sich gesund und sorgen Sie für eine ausreichende Bewegung.

Hilfen im Notfall

Neben sozialen Einrichtungen, die Hilfen im Krankheitsfall anbieten, gibt es auch solche, die sich auf Krisensituationen spezialisiert haben. Im Notfall können Sie sich an folgende Stellen wenden, um Hilfe zu bekommen:

Telefonseelsorge: 0800 – 111 0 111 / 0800 – 111 0 222 (bundesweit, gebührenfrei)

Regionale Krisenhilfeeinrichtungen: Eine Liste mit Einrichtungen nach Bundesland geordnet finden Sie auf Depressionen-Depression.net.

Hilfe erhalten Sie außerdem bei Hausärzten sowie Fachärzten für Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapeuten und kirchlichen Seelsorgern.

Quellen

  1. Badelt, Udo: Alterssuizid. Das vergessene Drama unter http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gesundheit/alterssuizid-das-vergessene-drama/3589942.html (abgerufen am 12.03.2014)
  2. Senioren und Suizid unter http://www.elternretter.de/depression-im-alter-suizid/ (abgerufen am 12.03.2014)
  3. Schlichtermann, Kai: Suizid im Alter. Härtere Methoden als bei Jüngeren unter http://www.taz.de/!36773/ (abgerufen am 12.03.2014)
  4. Schneider, Sebastian: Suizid im Alter. Am Ende unter http://www.stern.de/panorama/suizid-im-alter-am-ende-1982753.html (abgerufen am 12.03.2014)
  5. Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland: Wenn das Altwerden zur Last wird. Suizidprävention im Alter, o.O., 2005.
  6. Sterbefälle durch vorsätzliche Selbstbeschädigung unter http://de.statista.com/statistik/daten/studie/583/umfrage/sterbefaelle-durch-vorsaetzliche-selbstbeschaedigung/ (abgerufen am 14.03.2014)